Warum verbietet das Alte Testament den Verzehr von Schweinefleisch? Wieso galten Frösche den alten Israeliten als „abscheulich“? Welche Bedeutung haben die Reinheitsgebote in den fünf Büchern Mose? Die Theologie sieht diese strengen Regeln vor allem als Stärkung des Bundes zwischen Gott, dem Volk Israel, und der Gemeinschaft der Gläubigen. Der Biologe Aloys Paul Hüttermann vermutet jedoch eine andere Motivation hinter diesen Anweisungen. Für den mittlerweile emeritierten Göttinger Professor für Forstbotanik und Technische Mykologie ist die Bibel das erste ökologische Handbuch der Welt – eine detaillierte Anleitung für nachhaltiges Wirtschaften.
Hüttermann, selbst gläubiger Christ, hat das Buch der Bücher aus Sicht des Naturverständnisses der Israeliten untersucht. Sein Fazit: Die Juden verfügten bereits vor über 2000 Jahren über fundiertes ökologisches Wissen und konnten auf kleinem Raum in karger Landschaft über Jahrhunderte im Einklang mit der Natur leben. Nach seiner Auffassung ist das Alte Israel wahrscheinlich die einzige Volkswirtschaft, die über lange Zeiträume hinweg nachhaltig praktiziert wurde.
Konservative Theologen reagieren darauf oft skeptisch. In seinem Buch Am Anfang war die Ökologie. Naturverständnis im Alten Testament. (Antje Kunstmann Verlag, München 2003) betont Hüttermann, man könne die Bibel lesen, ohne an die Existenz Gottes zu glauben. Moderne Religionswissenschaftler zeigen dagegen Interesse an der Idee einer „ökologischen Botschaft der Thora“. Hüttermann hält jedoch fest: Ob die Juden in feindlicher Natur überlebt hätten, ohne an Gott zu glauben, ist eine andere Frage.
Dass das Alte Testament ein durchdachtes Regelwerk zur Nachhaltigkeit ist, belegt Hüttermann besonders an Nahrungs- und Hygienevorschriften. Viele Bestimmungen lassen sich als ökologische Gebote lesen. So heißt es im 3. Buch Mose / Levitikus 11,1-8, dass Tiere mit gespaltenen Klauen, Wiederkäuer und Paarhufer essbar sind, nicht jedoch Kamele, Wildschweine und Ähnliches.
Du sollst keine Tiere halten, die dir die Nahrung streitig machen!
Aus biologischer Sicht ist die Einteilung in reine und unreine Tiere sinnvoll: Die Menschen sollen die Ressourcen des Landes optimal nutzen. Schweine seien zwar gute Futterverwerter, würden aber ähnliche Nahrungsansprüche wie Menschen stellen und diesen so die Nahrungsgrundlage streitig machen. Rinder hingegen seien weniger anspruchsvoll und könnten selbst härteste Gräser verwerten; Kamele dienten als Transporttiere und waren daher geschützt.
Du sollst kein Wassertier essen, das dir Schädlinge vom Leibe hält!
Dieses ökologische Prinzip findet sich im 3. Buch Mose / Levitikus 11,9f: Von allen Tieren, die im Wasser leben, dürft ihr diese essen; Alle Tiere mit Flossen und Schuppen, die im Wasser, in Meeren und Flüssen leben, dürft ihr essen. Aber alles, was in Meeren oder Flüssen lebt, alles Kleingetier des Wassers und alle Lebewesen, die im Wasser leben und keine Flossen oder Schuppen haben, seien euch abscheulich.
Gemeint sind vor allem Amphibien wie Frösche, da Hummer, Krabben oder Aale im antiken Israel nicht vorkamen. Wie wichtig Frösche im ökologischen Kreislauf sind, zeigt das Beispiel Bangladesh, wo in den Siebzigerjahren begonnen wurde, frei lebende Frösche im großen Ausmaß in den Westen zu exportieren, wo Froschschenkel als Delikatesse gelten. Die Folge war, dass sich die Malaria in diesem Land durch Insekten ungehindert ausbreiten konnte, selbst in Regionen, wo diese Krankheit zuvor gar nicht aufgetreten war. Durch den Export der Frösche hatte Bangladesh seinen billigen, aber effektiven Malariaschutz verloren.
Du sollst den Pflanzen nicht die Nahrung rauben!
Dieses ökologische Prinzip steht sinngemäß hinter 5. Buch Mose / Deuteronomium 22,9: Du sollst in deinem Weinberg keine anderen Pflanzen anbauen. Der Anbau von mehrjährigen Pflanzen wie Oliven oder Wein und einjährigen wie Getreide würde den Boden zu sehr auslaugen. Das dritte Buch Mose / Levitikus 19,23-25 fordert: Wenn ihr in das Land kommt und einen Fruchtbaum pflanzt, sollt ihr seine Früchte behandeln, als ob sie seine Vorhaut wären. Drei Jahre lang sollen sie für euch etwas Unbeschnittenes sein. Sie sind nicht zum Essen bestimmt. Im vierten Jahr sollen alle Früchte als Festgabe für den HERRN geheiligt sein. Erst im fünften Jahr dürft ihr die Früchte essen und den Ertrag für euch ernten.
Noch erstaunlicher ist das Wissen hinter dem Gebot, alle sieben Jahre komplett aufs Ernten zu verzichten. Im 2. Buch Mose / Exodus 23,10f heißt es: Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brachliegen lassen und nicht bestellen. (…) Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.
Du sollst der Erde Ruhe gönnen!
Die Erde soll Ruhe erhalten; der ökologische Sinn liegt in der Eigendüngung der Böden. Der nachhaltige Erfolg zeigte sich in einem außergewöhnlich hohen Saat-Ernte-Verhältnis von eins zu sechs, das man erst im 19. Jahrhundert in Mitteleuropa erreichte. Das Sabbatjahr hatte daher nach Hüttermanns Auffassung eher ökologische als religiöse Gründe, da es in den Städten nachweislich nicht zur Geltung kam.
Besonders beeindruckt war der Bibelforscher davon, dass das Volk Israel offenbar über mikrobiologisches Wissen verfügte. Als Beleg verweist Hüttermann auf die Reinheitsgesetze:
Du sollst nicht mit Unreinem deine Gesundheit zerstören!
So lässt sich der alttestamentliche Hygienekanon zusammenfassen. Im 3. Buch Mose Levitikus 11,32-34 wird gewarnt, dass tote Kleintiere wie Mäuse oder Ratten unrein machen: Jeder Gegenstand, auf den eines dieser Tiere fällt, wenn sie tot sind, wird unrein. (…) Jedes Tongefäß, in das solch ein Tier fällt, müsst ihr zerbrechen und sein Inhalt ist unrein. Jede Speise, die man essen will, wird unrein, wenn Wasser aus einem solchen Gefäß darauf kommt; jedes Getränk, das man trinken will, wird durch ein solches Gefäß unrein.
Damit war offenbar bekannt, dass Aas mittelbar eine Gesundheitsgefahr darstellt, weil giftige Bakterien sich dort rasch bilden und Materialien kontaminieren können. Auch Levitikus 11,37f betont das mikrobiologische Wissen: Wenn ein Aas von ihnen auf irgendeinen Samen fällt, der gesät werden soll, so bleibt er rein. Wenn aber das Korn mit Wasser befeuchtet war und ein solches Aas darauf fällt, sollt ihr es für unrein halten.
Das erklärt, warum feuchtes Saatgut besonders anfällig für Schadstoffe war. Im Alten Israel ließ man Samen nämlich oft vorquellen – ein idealer Närboden für giftige Bakterien. Laut Hüttermann rühren diese ökologischen Gebote der Bibel nicht von göttlicher Offenbarung her, sondern aus jahrhundertelanger Beobachtung und Weitergabe naturkundlichen Wissens von Generation zu Generation, das schließlich verschriftlicht wurde.
Gleichzeitig sieht der Biologe einen religiösen Hintergrund für die Naturerkundung: Die Beschäftigung mit der Natur galt den Juden als Gottesdienst. Wenn ein Feld keine Erträge trug, sah man dies als Strafe Gottes und musste herausfinden, was zu ändern sei, um diese Sünde künftig zu vermeiden.
Ökologie erklärt auch, warum die Israeliten Kriegseroberungen als moralisch problematisch ansahen: Die Verwüstung feindlicher Ländereien galt als Sünde – anders als bei späteren Griechen und Römern.
Du sollst keine verbrannte Erde hinterlassen!
Diese Lehre findet sich im 5. Buch Mose / Deuteronomium 20,19: Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Selbst im Krieg, wenn alle Konventionen null und nichtig erschienen, galt noch eine Umweltverantwortung.
Über 2000 Jahre brauchte die Welt, um das Prinzip der Nachhaltigkeit neu zu erkennen. Erst bei der Konferenz von Rio 1992 verständigten sich Regierungen darauf, dass die Menschheit nur dann eine Zukunft hat, wenn sie Lebensgrundlagen und Ressourcen für kommende Generationen schützt. Die Alten Israeliten wussten das bereits – und handelten danach.
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Für den Göttinger Professor Aloys Paul Hüttermann ist die Heilige Schrift nicht nur eine Urkunde des Glaubens, sondern auch ein Leitfaden für nachhaltige, ökologische Landwirtschaft.
Schweine sind Allesfresser und damit ein Nahrungskonkurrent des Menschen. Dass in Islam und Judentum das Schwein als „unrein“ und nicht als für den Verzehr geeignet erscheint, hat sicher nicht nur mit Hygiene zu tun: In der Steppe, wo diese beiden Religionen entstanden, sind Grasfresser wie Schafe oder Rinder einfach eine Ressourcen schonende Alternative. Apropos Ressourcen: Schweine in heimischen Mastbetrieben werden vorwiegend mit Sojaschrot gefüttert. Sojaschrot wird hauptsächlich aus Südamerika importiert, wo er auf riesigen Plantagen, denen der Regenwald zum Opfer gefallen ist, angepflanzt wird. So dient die gewonnene Anbaufläche nicht einmal der indigenen Bevölkerung Amazoniens als Nahrungsquelle, sondern letztlich nur unserem Schnitzelhunger.
Amphibien, wie z.B. Frösche, sind wichtig für das ökologische Gleichgewicht - und gleichzeitig ein billiger Insektenschutz.
Aus dem Boden das Maximum herausholen, um satte Gewinne zu machen? - Davon ist man im Alten Israel weit entfernt: Ernteverzicht im Sinne einer regenerativen Landwirtschaft.
Der Wald ist im Alten Israel von so fundamentaler Bedeutung, dass er selbst während eines Krieges im Feindesland geschützt werden muss.
Zahlreiche Tiere tummeln sich in der Wandmalerei der Chodorow-Synagoge (Ukraine). Zahlreich sind auch die Tierschutzbestimmungen im Alten Israel: So ist in der Thora beispielsweise festgehalten, dass sowohl dem Esel des Feindes, wie auch dem Rind des Nachbarn bei Gefahr Hilfe zu leisten ist. Dem Rind darf beim Dreschen das Maul nicht zugebunden werden. In das Ruhegebot am Sabbat sind auch Last- & Arbeitstiere miteinbezogen. Sie dürfen an diesem Tag auch nicht an Andersgläubige verliehen werden. Hier geht es um mehr, als um die Bewahrung des eigenen Besitzes: Pietät gegenüber dem Mitgeschöpf leuchtet in diesen Texten auf.
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