In Zeiten, in denen unser Planet und unsere Mitgeschöpfe wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte strapaziert werden und die Folgen dieser Ausbeutung immer deutlicher sichtbar werden, erkennen mehr und mehr Menschen, dass unsere heutige Konsumgesellschaft in eine Sackgasse mündet. Der Blick wendet sich auf indigene Völker und deren Wirtschafts- & Lebensweise. In früheren Jahrhunderten kolonialisiert und in Folge zwangsmissioniert, sieht die Kirche im kulturellen Erbe der indigenen Völker Lateinamerikas heute einen Schatz, den es zu bewahren gilt. So schrieb Papst Franziskus in "Querida Amazonia" (2020):
"Die Indigenen Völker können uns helfen zu erkennen, was eine glückliche Genügsamkeit ist, und in diesem Sinne haben sie uns vieles zu lehren. Sie verstehen es, mit wenig glücklich zu sein, sie erfreuen sich an Gottes kleinen Gaben, ohne viele Dinge anzuhäufen, sie zerstören nicht ohne Not, sie bewahren die Ökosysteme und sie erkennen, dass die Erde, die sich als großzügige Quelle zu ihrem Lebensunterhalt verschenkt, auch etwas Mütterliches hat, das respektvolle Zärtlichkeit weckt. […] Während wir für sie und mit ihnen kämpfen, sind wir aufgerufen, ihre Freunde zu sein, sie anzuhören, sie zu verstehen und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will." (Apostolisches Schreiben Querida Amazonia Nr. 71 + 72, 02.02.2020)
Ein Schlüsselwort zu dieser uns heute so fremden Denkart heißt "Buen Vivir". Es bedeutet übersetzt „gutes Leben“ oder „gutes Zusammenleben“. Die indigene Philosophie aus den Anden Südamerikas stellt ein Leben in Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur in den Mittelpunkt. Dabei geht es nicht um ständiges wirtschaftliches Wachstum oder materiellen Wohlstand, sondern um ein ganzheitliches Wohlergehen von Mensch und Umwelt.
Für die indigenen Völker steckt in allem Leben und so verstehen sie auch das Land. Sie unterscheiden zwischen den Ebenen "Himmel", "Boden" und dem Bereich der "Tiefe", die alle mit Leben erfüllt sind. Das Weltbild der Andenvölker ruht auf drei Säulen:
- Fülle: Viel zu haben geht einher mit Konsum und Ausbeutung. Alles zu haben dagegen bedeutet, das zu haben, was man braucht. Originalzitat: "Wir wollen nicht, dass die Natur oder andere Menschen Opfer bringen müssen." Es geht dabei um die Kunst, Dinge zu genießen und auf sie achtzugeben, ohne sie auszunutzen. Achtzugeben sei auch auf die zukünftigen Generationen.
- Weisheit: Im Unterschied zu Wissen, das mit Schule, Studium, Forschung oder Internet in Verbindung steht, wird Weisheit mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Es handelt sich dabei um lebenspraktische Dinge, wenn z.B. eine Mutter ihren Kindern zeigt, wie bestimmte Früchte am besten aufgelesen werden. Weisheit wird vor allem im Tun überliefert.
- Gleichgewicht: Es darf von nichts zuviel oder zuwenig geben. "Überfluss tut selten gut". Zu wenig führt unweigerlich zu Konflikten. Erst, wenn die grundlegenden Bedürfnisse gestillt sind, kann Gleichgewicht herrschen. Dieses Gleichgewicht muss auch die Natur miteinbeziehen: Für die Indigenen spricht die Natur, die auch als Pachamama (d. h. als Mutter) verehrt wird, zu uns. Wichtig sei es, der Natur zuzuhören, was sie uns sagen möchte. Diese Gabe fehlt den meisten Menschen heute.
Ein gutes Leben heißt, grundlegende Bedürfnisse zu erfüllen, ohne Natur, Tiere oder andere Menschen auszubeuten. Konsum und Produktion sollen sich an dem orientieren, was wirklich nötig ist. Der Mensch wird nicht als Herrscher über die Natur verstanden, sondern als Teil eines größeren Ganzen. Gemeinschaft, kulturelle Vielfalt und gegenseitiger Respekt spielen dabei eine zentrale Rolle. Zudem gibt es nicht nur eine „einzige Wahrheit“, sondern unterschiedliche Perspektiven und Lebensweisen. Politisch wurde das Konzept in den Verfassungen von Ecuador und Bolivien verankert. Dort ist das „gute Leben“ als Staatsziel festgeschrieben – einschließlich der Anerkennung von Rechten der Natur. Am Schluss noch eine kurze Anekdote von Papst Franziskus:
"Ich bin nach Puerto Maldonado im peruanischen Amazonasgebiet gegangen. Ich habe mit den Menschen aus vielen verschieden Kulturen gesprochen. Dann habe ich mit 14 Stammesoberhäuptern von ihnen zu Mittag gegessen, alle mit Federn, traditionell gekleidet. Sie redeten in einer Sprache der Weisheit und sehr hoher Intelligenz. Nicht nur Intelligenz, sondern Weisheit. Und dann habe ich gefragt „Und Sie, was machen Sie?“ – „Ich bin Professor an der Universität.“ Ein Indigener, der dort Federn trug, aber in Zivil zur Universität geht. „Und Sie?“ „Ich bin im Bildungsministerium die Verantwortliche für diese ganze Region.“ Und so einer nach dem anderen. Und dann ein Mädchen: „Ich bin Studentin in Politikwissenschaften.“ Und da habe ich gesehen, dass es erforderlich war, das Bild der Indigenen, die wir nur mit Pfeilen sehen, zu revidieren. Ich habe Seite an Seite mit Ihnen die Weisheit der indigenen Völker entdeckt, auch die Weisheit des „guten Lebens“ wie Sie es nennen. „Gut leben“ bedeutet nicht „dolce vita“, nein, kein süßes Nichtstun nein! „Gut leben“ heißt, in Harmonie mit der Schöpfung leben. Und diese Weisheit des guten Lebens haben wir verloren. Die ursprünglichen Völker bringen uns diese offene Tür." (Papst Franziskus, Ansprache 03.09.2020)
Marktwirtschaft, richtig verstanden: "Gutes Leben" bedeutet nicht Überfluss an unnötigen Artikeln, sondern dass die Grundbedürfnisse aller gestillt werden.
Die Andenvölker unterscheiden zwischen den drei Ebenen "Himmel", "Boden" und "Tiefe". - Alles davon ist mit Leben erfüllt.
Diese Schweine kennen weder Vollspaltenböden noch Kastenstandhaltung. Die Andenvölker versuchen in Harmonie mit der Schöpfung zu leben und dazu zählt auch ein respektvoller Umgang mit den Tieren.
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